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Texte zur Menschenwürde
Reclam Band 18907
Gedanken zu Kant (1724-1804)
Die Achtung vor der sittlichen Vernunft wirft u.a. die Fragen auf:

1a. Ob erst die religiöse Vorstellung von der Geschöpflichkeit des Menschen der Würde und dem damit verbundenen Achtungsanspruch ein tragfähiges Fundament geben?
b. Oder genügt zur Begründung der allgemeinen Menschenwürde diem Sichtweise der Aufklärung der zufolge der Mensch ein aus der Natur herausragendes und mit Freiheit begabtes Vernunftwesen ist, was allein ihm schon eine achtungsgebietende Würde verleiht?
2. Ist die Idee der Menschenwürde mehr eine auf die individuelle Freiheit gegründete Kategorie des liberalen Denkens, die durch Erniedrigung und Unterdrückung verletzt wird? Oder ist die Idee der Menschenwürde mehr eine auf die gesellschaftlichen Verhältnisse gerichtete Kategorie des sozialen Denkens, die auf der Abschaffung von materiellen Notlagen und Ungerechtigkeiten zielt?

Gedanken zu Schiller (1759-1805)
FREIHEIT IN DER ERSCHEINUNG
Schiller unterscheidet eine „wahre“ Würde von einer „falschen“ Würde.
In „Anmut und Würde“ definiert er die Menschenwürde über die Fähigkeit, Körper und Trieb mit Geist und Vernunft beherrschen zu können. Diese Macht und Selbständigkeit
des Geistes dem rohen Sinnlichen gegenüber bezeugt eine Freiheit, deren Darstellung in der Welt als Würde erscheint. Achtung ist die angemessene Haltung dieser Würde gegenüber Schillers Überlegungen sind stark von Cicero und Kant beeinflusst.
Die falsche Würde ist für Schiller eine Haltung, die nicht die sinnliche Natur mit Freiheit
beherrscht, sondern dies mit künstlichen Gewändern, Perücken und Manierismen verbirgt.
Interessant ist, wier Schiller die Menschenwürde den damaligen Idealen des Bürgertums folgend, auf die Frauen überträgt: Häusliche Fürsorge und sanftmütige Güte. Die Männerwürde hingegen zeigt sich in dominantem Auftreten als Versorger und Beschützer der Frau. Zu diesem Rollenverständnis regte sich zur damaligen Zeit Widerspruch von Olympe de Gouges (1748-1794). In einer Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin von 1791 heißt es: „Die Frau ist frei geboren und bleibt dem Mann gleich in allen Rechten“. Schiller sah auch das soziale Elend, das er fast klassenkämpferisch beschrieb:

Würde des Menschen
Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen,
habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.
In seinem Aufsatz „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ sieht er die Kunst und die Wissenschaft losgelöst von den Konventionen der Gesellschaft. Er spricht von einer Immunität von der Willkür der Menschen. Für Schiller kann der politische Gesetzgeber ihr Gebiet sperren, aber darin herrschen kann er nicht. Er kann den Wahrheitsfreund ächten, aber die Wahrheit besteht.

Zusammengestellt von Herbert Cahn.


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