Mai 2018

Diskussion: Yuval Noah Harari, „Homo Deus„

In der Aprilsitzung haben wir uns mit der letzten Strophe von Goethes Prometheus-Ode beschäftigt: Die Idee der Menschenformung.

In der Mai-Sitzung möchte ich den Sprung vom Prometheus zum Homo Deus anhand der Grundthesen des gleichnamigen Buches von Yuval Noah Harari wagen. Zur Vorbereitung habe ich versucht, die wesentlichen Thesen zusammenzustellen.

Zur Person
Yuval Noah Harari, geb.1976, israelischer Historiker, lehrt seit 2005 an der Hebräischen Universität Jerusalem. Beschäftigte sich zunächst mit Militärgeschichte. Heute stehen die Weltgeschichte und makrohistorische Prozesse im Zentrum seines Interesses.

Bücher:„Eine kurze Geschichte der Menschheit„

„Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen„ Deutsch 2017„Homo Deus„: Eine düstere Vision des Industriezeitalters. Die Veränderung von Gesellschaft und Staat durch Einflüsse von Industrialisierung, technischen Fortschritt und Digitalisierung
Grundfragen:Was bedeutet es für die Welt, wenn die alten Mythen (Religionen etc.) auf neue gottähnliche Technologien wie Gentechnik und Künstliche Intelligenz stoßen?

Was wird mit uns und unserem Planeten passieren, wenn die neuen Technologien dem Menschen gottgleiche Fähigkeiten verleihen, sich und das Leben auf eine neue Stufe der Evolution zu heben?

Was bleibt von uns, wenn wir Maschinen konstruieren, die besser sind als wir?

In unserer Gier nach Gesundheit, Glück und Macht könnten wir uns soweit verändern, dass wir schließlich keine Menschen mehr sind sondern andersartige Wesen, die Harari „Homo Deus„ nennt.Grundthesen zusammengefasst (soweit dies überhaupt in der Kürze möglich ist):
Eine Art wissenschaftlicher Zukunftsvision: eine Dystopie (zukunftspessimistisches Szenario der Gesellschaft), ein Schreckensgespenst der Zukunft: Was passiert wenn und nachdem der Mensch zum Homo Deus geworden ist?

Harari spielt das ganze Szenario einmal durch! Am Ende stellt sich die Frage: Wollen wir das?

Hararis Ausgangsthese ist, dass heute das Gesellschaftssystem des Dataismus entstehe. Der Dataismus und weitere neue technologische Ideologien werden u.a. auch das unsere Gegenwart NOCH bestimmende „Glaubenssystem„( Harari hat eine eigene Definition von Religion!) des Humanismus (Mensch im Zentrum, Anbetung des Menschen, Individualismus) ablösen. Grundlegende Annahme des Dataismus sei, dass die Welt in der Zukunft durch Wissenschaft und Technik beherrschbar (und alle Probleme lösbar)sei. Der Humanistische Imperativ (alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch als ein erniedrigtes, geknechtetes, verlassenen und erbärmliches Wesen erscheine) werde auf die Spitze getrieben.

Versuch einer Zusammenfassung der wesentlichen ThesenMenschliche Ambitionen und Errungenschaften sind die Ursachen eines katastrophalen Wandels.

Individualismus und Humanismus gehörten der Vergangenheit an, denn im digitalen Zeitalter würden wir zu biologischen Algorithmen reduziert.

Im 21. Jhd. breche das Zeitalter der Bio- und Datentechnologie an. Der Mensch verwandle sich in ein gottgleiches Superwesen, das den bisherigen Homo sapiens überflüssig mache.

Es entstehe eine neue totalitäre technikversessene Datenreligion, die „Religion of Data„, bestehend aus dem gesammelten Datenwissen. Das Universum werde so zu einem einzigen Datenstrom und Gott zu einem kosmischen Zentralcomputer. Einziges Ziel ist die Freiheit der Information und das freie Fließen der Information, nicht die Freiheit des Menschen. Fundamentaler Wandel des Welt- und Menschenbildes! Die Explosion der Daten lässt neue Zusammenhänge entstehen und die schiere Quantität der Daten schlägt um in eine neue Qualität der Weltbeschreibung: Die Algorithmen werden allmächtig.

Im 21.Jhd. seien Hunger und Seuchen weitgehend überwunden. Es gibt praktisch keine natürlichen sondern nur noch politischen Hungersnöten. Heute sterbe man aus Altersgründen (vor allem durch einen falschen Lebenswandel). Also wenn Tod und Hunger besiegt sind, was kommt dann? Der Mensch sucht sich neue Ziele: Glückseligkeit und Unsterblichkeit.

Im 21.Jhd. werden wir wirkmächtigere Fiktionen und totalitärere Religionen als jemals zuvor schaffen. Mit Hilfe von Biotechnologie und Computeralgorithmen werden diese Religionen nicht nur jede Minute unseres Daseins kontrollieren und in der Lage sein, unseren Körper, unser Gehirn und unseren Geist zu verändern, sondern auch durch und durch virtuelle Welten erschaffen. Es wird deshalb immer schwieriger, aber auch immer wichtiger werden, Fiktion und Wirklichkeit sowie Religion und Wissenschaft auseinanderzuhalten.

Aber: Ohne Religion, die der Welt Sinn und Orientierung gibt, wird der wissenschaftliche Fortschritt zu einer Gefahr.

„Vor uns sehen wir, zum Greifen nahe, die Allmacht, doch unter uns gähnt der Abgrund des völligen Nichts.„

Auf praktischer Ebene besteht das moderne Leben aus einem ständigen Streben nach Macht in einem Universum ohne Sinn.

Wenn Gentechnik und künstliche Intelligenz ihr volles Potenzial entfalten, werden Liberalismus, Demokratie, Freie Märkte und vieles mehr obsolet.

Der freie Wille und so etwas wie Seele oder Geist sind im Zeitalter der Biowissenschaften und –technologien Illusionen und abgeschafft.

„Nachdem wir die Menschheit über die animalische Ebene hinausgehoben haben, werden wir nun danach streben, Menschen in Götter zu verwandeln um aus dem Homo sapiens den Homo Deus zu machen.„

Der Mensch ist wissenschaftlich gesehen auch nur ein Tier.

Alle Organismen, auch der Mensch, bestehen nur aus Algorithmen (logische Abläufe und Datenverarbeitung).

Der Mensch ist nur gedankenlose Materie.

Der vom Algorithmus gesteuerte Mensch ist berechenbar, manipulierbar, kontrollierbar.

Freier Wille? Das Fundament des Selbstverständnisses des modernen Individuums zerbröckelt; damit zerbröckeln aber auch die Grundlagen unserer Demokratie und der Menschenrechte.

Entwicklung KI Unbewusste, aber hochintelligente Algorithmen werden uns bald besser kennen als wir uns selbst und sie sind besser und arbeiten fehlerfrei!

Die menschengemachten Technologien werden sich zur dominierenden Macht erheben. Der Mensch wird vom Subjekt zum Objekt degradiert. Und die Maschinen und Algorithmen erlangen Autonomie und entwickeln eigenen Bedürfnisse und Ziele.

Sterblichkeit sei eine Beleidigung und Schmach für den Menschen (Humanismus: Mensch im Zentrum). Deshalb will der Transhumanismus den Menschen „upgraden„ und durch Prothesen, pharmazeutische Produkte und vieles mehr optimieren. Der Tod sei nur ein technisches Problem.

Aber die Kehrseite der Langlebigkeit und Unsterblichkeit ist die vergreiste und erstarrte Gesellschaft!

Konsequenz dieser Entwicklung: Der Mensch schafft sich (ungewollt) selbst ab, nachdem er sich zum Homo Deus gemacht hat, weil er dann von Algorithmen und Maschinen ersetzt wird, die immer mehr ein Eigenleben entwickeln, bis sie schließlich die wahren Herrscher der Welt sind. Es entstehe eine neue tiefe Spaltung der Menschheit: ein Heer von nutzlosen alten Menschen und eine kleine Elite der superreichen Technokraten.

Die Biowissenschaften und –technologien: „In ihrem Bestreben nach Gesundheit, Glück und Macht werden die Menschen ganz allmählich zuerst eines ihrer Merkmale, dann noch eines und noch eines verändern, bis sie schließlich keine Menschen mehr sind.„

Letztlich werden Menschen überflüssig und durch Roboter und intelligente Software ersetzt.

„Menschen stehen in der Gefahr, ihren ökonomischen Wert zu verlieren, weil sich Intelligenz vom Bewusstsein abkoppelt.„

Menschen besäßen dann keine einzigartigen Fähigkeiten mehr, sondern werden von nicht-bewussten Algorithmen übertroffen und verdrängt. Maschinen machen weniger Fehler als Menschen.

Die KI werden in der Zukunft so mächtig werden, dass der Mensch selbst entbehrlich werde. Menschen fallen zum größten Teil der Automatisierung zum Opfer.

Es entsteht so ein Heer von nutzlosen Menschen, die nicht mehr gebraucht werden. (Dystopie) Herabsetzung der Menschen zu Sklaven der Technologie.

Die Welt als Datenverarbeitungssystem: Alles ist bestimmt von Algorithmen.

Es bleibt nur eine kleine Elite Menschen übrig, die alles beherrscht. Die Technobarone des Silicon Valley, die neuen Meister des Datenuniversums, die übermenschliche Rasse der Zukunft

Es gäbe dann zwei Menschenrassen: die Elite, Homo Deus, technisch verbessert und unsterblich und der alte minderwertige Homo sapiens.

Techno-Faschismus Dataismus: die neue Technikreligion

Verkehrung des Humanismus in sein Gegenteil

Zwar werde die Biotechnologie und Informationstechnologie der Menschheit historisch unübertroffene, quasi göttliche Macht verleihen, aber diese Ermächtigung bringt zugleich die Zerstörung der Menschheit durch sich selbst.

Das Internet der Dinge ist eine autonome Welt ohne Menschen.

Der springende Punkt: Die Abschaffung der Freiheit des Menschen und seiner Handlungsfähigkeit.




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